1945 – 1955
Vom Wiederaufbau zum frühen Reformgeist

Zwischen 1945 und 1955 prägten Wiederaufbau, politische Neuordnung und demokratischer Neubeginn Österreich. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurde die Eigenstaatlichkeit mit breiter Zustimmung bejaht. In diesem Geist entstand 1945 die ÖVP als Erbin der Christlichsozialen, um eine stabile Demokratie zu sichern. Gemeinsam mit der SPÖ wurde sie zum tragenden Pfeiler der Zweiten Republik – mit dem klaren Ziel, die Fehler der Ersten Republik nicht zu wiederholen. In der Steiermark prägten Karl Kober und Franz Wegart als Landesgeschäftsführer sowie die Landesparteiobleute Alois Dienstleder und Alfons Gorbach maßgeblich den Aufbau und die Ausrichtung der Steirischen Volkspartei in dieser entscheidenden Phase.

"Wir sind einig!" - Plakat der ÖVP 1945
Gründungsobmann Alois Dienstleder

Besatzung des Landes

Ende April 1945 proklamiert eine provisorische Regierung unter Karl Renner mit sowjetischer Unterstützung die Zweite Republik. Die Westalliierten misstrauen dem einseitigen Vorgehen und verweigern zunächst die Anerkennung. Österreich droht, zur Trennlinie zwischen Ost und West zu werden. Im Sommer einigen sich die Alliierten auf eine Vier-Zonen-Besatzung und unterwerfen die Regierung strenger Kontrolle. Die Volkspartei beteiligt sich an Renners Regierung, bleibt aber zunächst marginal. Dabei bleibt lange umstritten, wer bei den ersten Wahlen im November 1945 stimmberechtigt ist – besonders im Umgang mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern. Schließlich wird ein Kompromiss erzielt, der die Wahlen ermöglicht.

Die erste steirische Nachkriegsregierung und die Gründung der Volkspartei

Vom 8. Mai bis 23. Juli 1945 übernahm Reinhard Machold als provisorischer Leiter die steirische Landesverwaltung und bildete eine Übergangsregierung mit SPÖ, KPÖ und bürgerlichen Vertretern. Alois Dienstleder, letzter demokratisch gewählter Landeshauptmann, wurde eingebunden, mit Anton Pirchegger und Josef Schneeberger in der Regierung. Am 18. Mai 1945 gründete Dienstleder auf sowjetischen Druck die Steirische Volkspartei, die auf Widerstand bei den Bauern stieß. Josef Krainer gewann an Einfluss, besonders nach britischem Einmarsch. Im November 1945 wurde Alfons Gorbach als Kompromiss-Landesleiter installiert, während Krainer weiterhin eine zentrale Rolle spielte.

Bundeskanzler Leopold Figl und Josef Krainer sen., ab 1948 Landeshauptmann der Steiermark.
Udo Illig, der spätere Minister für Handel und Wiederaufbau und LH Josef Krainer sen.
Josef Krainer sen. und Bundeskanzler Julius Raab bei einer Besprechung.
Gegründet wurde die Volkspartei in der Steiermark im Konventsgebäude der Grazer Kreuzschwestern

Die Volkspartei übernimmt die Führung im Land

Im Herbst 1945 erringt die ÖVP mit 53 % der Stimmen einen historischen Wahlsieg in der Steiermark und stellt fünf von neun Regierungsmitgliedern. Begünstigt wird dies durch das Wahlverbot für ehemalige Nationalsozialisten und eine hohe Frauenwahlbeteiligung. Interne Konflikte flauen ab: Dienstleder scheidet aus, Pirchegger wird Landeshauptmann, Krainer steigt auf. 1946 zählt die Partei bereits über 80.000 Mitglieder – besonders im Bauernbund. In den Kommunen besetzt sie viele Mandate, was ihre Präsenz stärkt, aber zu einer einseitigen sozialen Basis führt. Nach Pircheggers Rücktritt 1948 wird Krainer mit klarer Mehrheit zum Landeshauptmann gewählt – der Weg zur Stabilisierung ist geebnet.

Wiederaufbau und Versöhnung in der Nachkriegszeit

Die steirische Volkspartei fokussiert im ersten Nachkriegsjahrzehnt den Wiederaufbau und bewältigt Herausforderungen wie Zerstörungen, Demontagen und Verwaltung ehemaliger NS-Vermögenswerte. Kooperation mit Besatzungsmächten und anderen Parteien prägt den Alltag, ebenso die Umsetzung von Bundesprogrammen und die Grenzfrage zu Jugoslawien. Parallel dazu gestaltet sich der Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten als heikle Aufgabe: Nach Registrierung und Kategorisierung erfolgt ab 1948 die Amnestie für „Minderbelastete“. Die ÖVP verfolgt eine Versöhnungspolitik, um gesellschaftliche Befriedung trotz notwendiger Gerechtigkeit zu erreichen.

Steirische Reformkräfte und politische Stabilität

1949 verliert die steirische ÖVP Stimmen, während der VdU („Verband der Unabhängigen“) stark gewinnt. Die Steirer kritisieren nicht die Versöhnungspolitik, sondern die schwache Rolle der ÖVP in der Großen Koalition. Sie fordern Reformen und wollen den VdU integrieren, formieren sich als innerparteiliche „Revoluzzer“ und unterstützen Julius Raabs Aufstieg zum Bundesparteiobmann. 1953 verliert die ÖVP erstmals die Stimmenmehrheit an die SPÖ, behält aber Mandate. Intern gelingt der Übergang zu neuen Führungspersönlichkeiten wie Josef Wallner, der Stabilität sichert. Krainer und Gorbach balancieren innerparteiliche Konflikte geschickt aus.

Gründungsdokument der Steirischen Volkspartei
Plakat der Volkspartei 1945 mit dem Aufruf zur aktiven Mitarbeit.

Wirtschaftswunder, Staatsvertrag und innovativer Wahlkampf

In den frühen 1950er Jahren profitierte die steirische ÖVP vom Marshall-Plan und dem „Raab-Kamitz-Kurs“, was zum Wirtschaftswunder führte. Unter Krainer wurden Infrastruktur, Bau und Gesundheit gefördert. Der Staatsvertrag 1955 verbesserte die politische Stimmung, bei den Neuwahlen 1956 gewann die ÖVP deutlich hinzu. 1957 setzte die steirische ÖVP erstmals auf personalisierte Wahlkampagnen, basierend auf Gallup-Umfragen. Franz Wegart überzeugte die Parteiführung, neue Kommunikationswege zu nutzen. Der innovative Ansatz führte zur Rückeroberung der absoluten Landtagsmehrheit, die 33 Jahre Bestand hatte.

Mehr zur Geschichte der Steirischen Volkspartei.

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