1955 – 1965
Die „langen 50er Jahre“

Nach dem Staatsvertrag 1955 herrschte in der Steiermark Aufbruchsstimmung. Die Besatzung war vorbei, wirtschaftlicher Aufschwung, Sozialpartnerschaft und Wiederaufbau prägten das Jahrzehnt. Die Steirische Volkspartei dominierte mit Josef Krainer sen. und Hanns Koren, der eine moderne Kulturpolitik einleitete. Trotz alter Lagermentalitäten funktionierte die Zusammenarbeit mit der SPÖ. Politisch galt es, das Grenzland zu stärken, Isolation zu überwinden und Europa anzubinden. Der Eiserne Vorhang und Jugoslawiens Nähe machten die Lage sensibel. Partei und Land waren eng verflochten – die ÖVP stand für Stabilität, Tradition und zugleich vorsichtige Öffnung zur Moderne.

Landesparteisekretär Franz Wegart und Josef Krainer sen. konzipieren den Wahlkampf für die ersten "Krainerwahlen".
Festakt zur Eröffnung des Forum Stadtpark 1960. In der ersten Reihe Josef Krainer sen. und Kulturlandesrat Hanns Koren.
Die VP-Spitze in der Steiermark 1961: Koren, Udier, Krainer sen., Prirsch, Wegart und Brunner

Die Ungarn-Krise 1956

Im Herbst 1956 flohen über 16.000 Ungarn in die Steiermark – mitten in eine Zeit, in der auch die Steirer kaum mehr als das Nötigste hatten. Dennoch halfen viele spontan, besonders in der Oststeiermark. Der Aufstand in Ungarn war ein Freiheitsversuch gegen die sowjetische Besatzung, für Demokratie und Menschenrechte. Die sowjetische Armee schlug ihn brutal nieder. In über 140 Lagern, Kasernen und Privatquartieren fanden die Flüchtlinge Zuflucht. Viele blieben, prägten das Land mit – darunter Künstler, Ärzte und Studierende, die hier ein neues Leben begannen. Die Hilfsbereitschaft wurde zur moralischen Visitenkarte der Steiermark.

Landtagswahl 1957

Bei der Landtagswahl 1957 setzte die ÖVP erstmals auf personalisierten Wahlkampf mit Landeshauptmann Krainer als Spitzenfigur und gewann mit 46,6% die absolute Mehrheit. Die Steiermark profilierte sich als föderalistisch und selbstbewusst mit eigenem Stil. Krainer gründete die „Neue Österreichische Gesellschaft“, eine Reformbewegung für mehr Länderrechte, Bürokratieabbau und EWG-Öffnung. Diese stärkte die Reformkräfte in der ÖVP und führte 1960 zur Ablöse von Julius Raab durch Alfons Gorbach – ein bedeutender Wendepunkt in der Partei.

Bundespolitik trifft Landespolitik: Bundeskanzler Alfons Gorbach und LH Josef Krainer sen.
Josef Krainer sen., Theodor Piffl-Perčević und der neue Landesparteisekretär Alfred Rainer
Hanns Koren und Josef Krainer sen. bei der Eröffnungsausstellung von TRIGON 63
Männer der Reform: Bundeskanzler Josef Klaus und Unterrichtsminister Theodor Piffl-Perčević

Die Landtagswahl 1961 wird zur Überraschung in Graz

Die ÖVP setzte auch im Wahlkampf 1961 ganz auf Landeshauptmann Josef Krainer und gewann trotz Kritik der SPÖ ihre absolute Mehrheit. Die SPÖ verlor deutlich, die KPÖ kehrte in den Landtag zurück, die FPÖ legte leicht zu. Überraschend gewann die ÖVP erstmals in Graz, sogar in Arbeitervierteln, dank hoher Wahlkampfkosten und moderner Methoden. Krainer wurde als starke Persönlichkeit gefeiert, die für Zusammenarbeit stand. Die SPÖ geriet unter Druck und räumte ein, im Wahlkampf zu schwach agiert zu haben. Der Stimmenverlust an die KPÖ deutete auf politische Radikalisierung hin.

Die 50er Jahre dauern an – ÖVP im Umbruch

1961 wurde Krainer erneut Landeshauptmann, die Regierung blieb stabil. Bundespolitisch prägten Olah-Krise und Zentralismus-Konflikte das Klima. Bundeskanzler Gorbach versuchte föderale Stärkung, geriet aber mit Krainer in Machtkampf. Nach schwierigen Koalitionsverhandlungen 1962 scheiterte ein Annäherungsversuch an die FPÖ, die Große Koalition hielt. Krainer setzte sich für eine Mehrparteienregierung ein. Gorbach trat 1964 zurück und Josef Klaus wurde Parteichef. 1965 übernahm Krainer den Landesparteivorsitz. Die ÖVP-Reformer verbesserten die Zukunftschancen der Partei trotz der Niederlage bei der Bundespräsidentenwahl 1963.

ÖVP-Erfolge und steirische Nachbarschaftspolitik

Die Landtagswahl 1965 brachte der ÖVP mit 48,41 % erstmals seit 1945 wieder die absolute Mehrheit, besonders in Graz auf Kosten der SPÖ. Krainer blieb Landeshauptmann. Bei der Nationalratswahl 1966 erzielte die steirische ÖVP mit 49,7 % einen wesentlichen Beitrag zum bundesweiten Sieg. Nach Alfred Rainers Tod modernisierte Franz Hasiba die Partei. Die Steiermark setzte unter Krainer und Tropper ab 1955 auf kleine Schritte zur Normalisierung mit Jugoslawien, mit Abkommen zum Grenzverkehr und kulturellem Austausch. Wirtschaftlich orientierte man sich an EWG und EFTA, vor allem an Westdeutschland.

Bundeskanzler Gorbach bei US-Präsident John F. Kennedy 1962.
Landeshauptmann Josef Krainer sen. im Wahlkampf vor den Toren der Alpine Donauwitz in dern 1960er Jahren.

„Verhungern in der Neutralität“ und Grenzlandförderung

Krainer warnte vor „Verhungern in der Neutralität“ und setzte auf europäische Integration sowie regionale Eigeninitiative gegen Wiener Zentralismus. Die Steiermark sollte Brücke zwischen Ost und West sein, symbolisiert durch den Tito-Besuch 1969. Die agrarisch geprägte Grenzregion litt unter Abwanderung; gezielte Förderungen ab 1958 stärkten Landwirtschaft, Gewerbe, Infrastruktur und Tourismus. Trotz 50,5 Millionen Schilling blieben wirtschaftliche Nachteile bestehen, die erst in den 1980ern durch Thermentourismus gemindert wurden. Im ersten Jahrzehnt nach dem Staatsvertrag prägten ÖVP und SPÖ das „steirische Klima“ für Wirtschaft, Kultur und Nachbarschaftspolitik entscheidend.

Mehr zur Geschichte der Steirischen Volkspartei.

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