Krank zur Arbeit: Milliardenschäden durch Präsentismus

„Wer sich trotz angeschlagener Gesundheit zur Arbeit schleppt, tut damit weder sich noch der Firma einen Gefallen – im Gegenteil: Mitarbeiter, die krank zur Arbeit gehen, verursachen einen volkswirtschaftlichen Schaden in schwindelerregender Höhe“, so AK Vizepräsident Franz Gosch. Eine aktuelle Studie alarmiert und fordert mehr Vorsorge.

Franz GoschBereits 40% der Beschäftigten in Österreich gehen krank zur Arbeit. Enormer Schaden für Beschäftigte und Unternehmen. Fast die Hälfte der Österreichischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erscheint mittlerweile auch im Krankheitsfall am Arbeitsplatz – dies ergab die jüngste Studie der Arbeiterkammer OÖ. Präsentismus – so der Fachbegriff für Arbeiten gehen trotz Krankheit – ist hierzulande zwar gängige Praxis, jedoch in der öffentlichen Diskussion bisweilen weitgehend vernachlässigt. AK-Vizepräsident Franz Gosch (ÖAAB-FCG) beschreibt eine alarmierende Entwicklung: „Aus Angst vor negativen Konsequenzen trauen sich viele Beschäftigte nicht, in den notwendigen Krankenstand zu gehen. Von Seiten vieler Unternehmen wird hier ein enormer Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt, was Schäden in noch nicht absehbarem Ausmaß an der Gesundheit der Arbeitnehmer verursacht.“

Leiharbeiter und Spitalspersonal besonders betroffen
Ausgerechnet beim Krankenhauspersonal, so die Recherchen, ist der Präsentismus höher als in anderen Berufsbereichen. Auch Leiharbeiter gehen öfter krank zur Arbeit als Stammpersonal. Hartnäckig hält sich in den Führungsetagen vieler Betriebe die Irrmeinung, dass kranke Beschäftigte, die sich zuhause auskurieren, Produktivitätseinbußen und damit in weiterer Folge Kosten für das Unternehmen verursachen würden. Erhebungen zeigen jedoch, dass Präsentismus eine Reihe von Nachteilen für den Arbeitgeber mit sich bringt: Verminderte Arbeitsqualität, erhöhte Fehleranfälligkeit sowie gesteigerte Unfallhäufigkeit einer erkrankten Person aber auch die Ansteckungsgefahr anderer Mitarbeiter schaden dem Unternehmen zumindest mittelfristig mehr, als Krankenstände einzelner Beschäftigter. „Mittels Fehlzeitenbriefen, Krankenstands-Rückkehrgesprächen oder sogar Gutscheinen für Anwesenheit trotz Krankheit versuchen manche Betriebe mit zweifelhaften Methoden, die Krankenstandsquote möglichst gering zu halten. „Führungskräfte trifft aber eine Fürsorgepflicht gegenüber den Arbeitnehmern. Schon um diese nicht zu verletzen, muss die Gesundheit der Mitarbeiter oberste Priorität haben,“ so AK-Vizepräsident Franz Gosch.

Präsentismus begünstigt Herzinfarkt und Burnout
Die AK-Studie zeigte auch auf, dass vor allem Zeitdruck und Jobunsicherheit sowie mangelnde Vertretung am Arbeitsplatz im Abwesenheitsfall das Auftreten von Präsentismus in Unternehmen enorm begünstigen würde. Der Burn-Out Experte Facharzt Dr. Dietmar Bayer vom LKH Klinikum sieht hier vor allem zwei große Gefahrenbereiche: „Einerseits steigt bei Menschen, die krank am Arbeitsplatz erscheinen, natürlich das Risiko einer allfälligen Chronifizierung der jeweiligen Krankheit enorm. Andererseits ergaben schwedische Studien auch eine Korrelation zwischen erhöhtem Herzinfarktrisiko bzw. dem Auftreten von Burn-out-Erkrankungen und Präsentismus.“ Es müsse ein Bewusstsein für die Thematik entstehen, präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen in den Betrieben seien deshalb absolut notwendig, so Dr. Bayer.

Wertschöpfungsausfall in Österreich bis 30 Milliarden Euro
Aufgrund der bisher begrenzten Forschungsarbeit in diesem Bereich ist das Phänomen des Präsentismus und die Dimension der dadurch entstehenden betriebs- und volkswirtschaftlichen Schäden aber vor allem auch das Ausmaß an dadurch versursachtem menschlichen Leid in Österreich derzeit noch wenig erhoben. Die deutsche Felix-Burda-Stiftung ließ in unserem Nachbarland erheben, dass die krankheitsbedingten Kosten der Unternehmen zu zwei Dritteln auf Präsentismus zurückzuführen sind. Ein kranker Arbeitnehmer am Arbeitsplatz kostet demnach zweimal mehr als ein Mitarbeiter, der krank zuhause das Bett hütet. Die Burda-Studie hat für Deutschland einen Wertschöpfungsausfall von 9% des Bruttoinlandsproduktes errechnet. Umgelegt auf Österreich entsteht der Wirtschaft durch Präsentismus rund 30 Mrd. Euro Schaden.  „Kranke Beschäftigte müssen jedenfalls die Möglichkeit haben, sich auszukurieren und dürfen nicht vom Arbeitergeber unter Druck gesetzt werden. Daher fordern wir auch ein Verbot von Anreizsystemen für Anwesenheit trotz Krankenstand und eine flächendeckende betriebliche Gesundheitsvorsorge,“ so AK-Vizepräsident Franz Gosch abschließend.